Nur Amateure vertreiben ihre Zuhörer, echte Profis fesseln sie!

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Was haben Meetings und Entführungen gemeinsam?

Ein waschechter Meeting – Muffel wie ich empfindet Besprechungen fast schon als Freiheitsberaubung. Besonders bei längeren Meetings, also ab 90 Minuten, komme ich an meine Schmerzgrenze. Oft frage ich mich deshalb, ob mehrstündige Meetings wirklich sein müssen oder ob die Dauer absichtlich so lange gewählt ist.

Lange genug einsperren und hoffen, dass es "funkt"? Manche Meetings scheinen wirklich dieser Logik zu folgen.
Lange genug einsperren und hoffen, dass es „funkt“? Manche Meetings scheinen wirklich dieser Logik zu folgen.

Schon bevor ich mit den beiden Psychologinnen hier bei NUR OBEN IST PLATZ zusammenarbeiten durfte, hatte ich vom Stockholm-Syndrom gehört. Bei Wikipedia (am 30.01.2018 abgerufen) steht dazu: „Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ Manchmal in meiner Karriere kam ich mir tatsächlich so vor…

Bleiben wir aber einmal bei der Grundidee – das Publikum kann einfach nicht weg, es ist gefesselt. Spätestens seit „Shades of Grey“ ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt, dass das sogar freiwillig passieren kann. Puzzeln wir doch einmal mehr ein „Best Of“ zusammen. Wir nehmen: eine Geiselnahme (=Meeting), ein Verlies (=Besprechungsraum), einen Geiselnehmer (=Vorgesetzter), seine Geiseln (=Meeting-Teilnehmer), den Freiheitsentzug (=Meeting-Dauer) und das positive emotionale Verhältnis aus der fesselnden Darbietung.

Bei Wasser und Brot sitzen

Wasser und Brot? In vielen Meetings ist das das Höchste der Gefühle. Dabei geht Liebe doch durch den Magen...
Wasser und Brot? In vielen Meetings ist das das Höchste der Gefühle. Dabei geht Liebe doch durch den Magen…

Zu jeder Freiheitsstrafe gehört immer eine Basisverpflegung. Im Meeting sind dies Wasser, eine dunkle Brühe, die vermutlich Kaffee sein soll, und bei guten Veranstaltungsorten eine kleine Süßigkeit. Das erfüllt zwar Erwartungen, begeistert aber nicht derart, dass es fesselt. Da Liebe durch den Magen geht und sich das ausgezeichnet auch noch während eines Freigangs realisieren lässt – wie wäre es einmal mit überraschenden kleinen Köstlichkeiten wie einer Kaffee- oder Teespezialität, Säften, Softdrinks, belegten Brötchen oder anderen Snacks, wenn die „Geiseln“ nach der Pause zurückkommen? Toll ist das, wenn beispielsweise um die Ecke eine Bäckerei ist oder sich das „Verlies“ in einem Hotel befindet. 1:0 für den „Geiselnehmer“.

Aufstände erlauben

"Mann der Arbeit, aufgewacht!" ? Im Prinzip schon, denn schon das bloße Aufstehen kann eine kleine Revolution für das Meeting sein.
„Mann der Arbeit, aufgewacht!“ ? Im Prinzip schon, denn schon das bloße Aufstehen kann eine kleine Revolution für das Meeting sein.

Es gab Meetings, da war das Einzige, das wirklich gewachsen ist, Hornhaut an meinem Sitzorgan. Pausen- und zielloses Diskutieren bei immer stärkeren Emotionen im Sitzen nennt man dann Standpunkte. Nehmen wir „Aufstand“ wörtlich. Was wäre, wenn sich die „Geiseln“ erheben dürften? Warum nicht einmal das gesamte Meeting abwechslungsreich gestalten? So manche Perspektive verändert sich schon dadurch und lockert ins Stocken geratene Besprechungen auf. 2:0 für den „Geiselnehmer“.

Ausbrüche gestatten

Freiheit für die "Geiseln"! Werden dem Publikum Macht und Verantwortung übertragen, sieht es, wie schwierig das Leiten von Meetings ist.
Freiheit für die „Geiseln“! Werden dem Publikum Macht und Verantwortung übertragen, sieht es, wie schwierig das Leiten von Meetings ist.

Es ist nicht leicht gute „Geiseln“ zu finden und ein „Geiselnehmer“ ist nicht zu beneiden. Wenn sich die Teilnehmer in die Lage des Vorgesetzten versetzen könnten, der vielleicht selbst noch einen Vorgesetzten hat, wüssten sie, welche Bürde diese Rolle manchmal sein kann. Warum nicht einfach einmal die Gefangenen an der Freiheit schnuppern lassen und ihnen einzelne Passagen des Meetings übertragen? Ein Wechsel des Vortragenden kann dabei helfen Inhalte besser zu vermitteln, vor allem, wenn derjenige Spezialist auf diesem Gebiet ist. Er fühlt sich wichtig statt ohnmächtig, der Vorgesetzte kann sich kurz entspannen und verringert die Sehnsucht nach Freiheit. 3:0 für den „Geiselnehmer“.

Freigang

Weg sind sie? Wenn das Meeting gut ist, kommen die "Geiseln" gerne wieder.
Weg sind sie? Wenn das Meeting gut ist, kommen die „Geiseln“ gerne wieder.

Ein guter Indikator, ob das Meeting fesselnd ist, sind Pausen. Als Gelegenheit zum Durchatmen und zur Befriedigung sämtlicher körperlicher Bedürfnisse innerhalb von 10-15 Minuten zeigen sie, wie gut die Besprechung ankommt. Sind die „Geiseln“ vorher oder pünktlich wieder da, tun sie dies aus eigenem Bestreben, kommen also freiwillig zum Tatort zurück. 4:0 für den „Geiselnehmer“.

Besonders wichtig: der fesselnde „Geiselnehmer“

Das Publikum mitreißen, dass es nicht mehr weg will? Wer hat das besser in der Hand als derjenige, auf den sich im Meeting Augen und Ohren richten?
Das Publikum mitreißen, dass es nicht mehr weg will? Wer hat das besser in der Hand als derjenige, auf den sich im Meeting Augen und Ohren richten?

Man stelle sich einen Actionfilm vor, in dem der „Bösewicht“ eine unsichere Person ist, ohne Blickkontakt und ohne klare eigene Strategie seine Gefangenen zum Mitmachen überredet. Was schon im Film nicht funktioniert, wird im richtigen Leben erst recht schwer. Wie ein überzeugter Leiter der Runde kommuniziert, hat Sonja gestern kurz skizziert. Mit den richtigen Ideen, Worten und Bildern lässt sich das Publikum leichter fesseln und es hat jemanden, der dies verkörpert und zu dem es ein „positives emotionales Verhältnis“ aufbauen kann. 5:0 für den „Geiselnehmer“

Aller Anfang ist schwer

Nicht jedes Spiel wird mit 5:0 oder sogar höher gewonnen, es ist im Hinblick auf das Meeting überhaupt schon ein Fortschritt den Willen dazu zu haben. Große Siege lassen sich durch intensives Training leichter erringen. Soviel zur Theorie, es ist wieder Zeit für die Praxis – die von Doktor MEET. Für Fragen und Ideen erreichst du uns hier.

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